Hump

Der Garst, der Grusel und der Hinterletzte Hump

Und warum dies hier ein ernstzunehmender Blogartikel ist.

Als unsere Tochter ganz klein war, gingen mein Mann und ich gern auf Kindertrödelmärkte. Es gab unendlich viel Kleidung, aus der sie nach 3 Monaten gern wieder rauswachsen durfte, und wir konnten tolle Entdeckungen machen. Wir waren ja neu als Eltern und hatten eine ganze Industrie zu erforschen.

So kam eines Tages zwischen Tragetüchern, Greifspielen und Raschelbüchern Kuscheltier Ratte zu uns. Ratte ist weder schön noch süß, aber sie hat Charakter. Und hieß in Sekundenschnelle bei uns der „Hinterletzte Hump“, weil sie so desparat aus ihrem Strubbelfell schaute. Wir malten uns aus, wie wir mit Ratte einen Fotocomic produzierten, der alle Kinderängste charmant wegerzählen kann.

Eigentlich, dachten wir dann, ist ein Hinterletzter Hump sowieso eine brauchbare Sache. Genauso wie der Garst und der Grusel, die bald darauf unsere Phantasie bevölkerten. Sie sind nämlich – und spätestens hier wird’s ernst – sowieso in unseren Köpfen, in Form von Strenge und Schelte, von Angst und Sorge, von Selbstzweifel und übler Kritik an allem und jedem.

Was machen die da? Wie kommen wir auf die Idee, dieses wunderbare, einzigartige, freie und ernsthafte Wesen, das wir sind, mit Zweifel und Schimpf zu traktieren? Wieso sind wir nie genug, immer zu langsam oder zu ratlos, zu kompliziert oder gar zu schlicht? 

Der Garst z.B. gibt ohne Pause Sätze von sich wie „So kann man das aber nicht schreiben“ oder „Wie konntest Du nur der A sowas erzählen, die wird Dich für völlig bescheuert halten!“ oder „so zielstrebig wie der X wirst Du nie sein, Du Zauderer!“ . Er hat zu allem eine Meinung, und deren Grundstruktur ist „alle machen es richtig, nur Du nicht“. Leider hält er uns so am Laufen, dass wir von einer Auseinandersetzung mit ihm in die nächste schlittern und keine Pause machen, in der man endlich in Ruhe die fiesen Grundstrukturen enttarnen könnte (obwohl das wahrhaft wissenschaftlich wäre). 

Modus: Abwerter, Perfektionist, Vergleicher: Maßstäbe von außen ohne Filter annehmen

Lösung: eigene Maßstäbe setzen, Selbstliebe lernen

__________________

Der Grusel ist auch nicht ohne. Er macht einem jedes Vorhaben madig, knabbert den letzten Rest Zuversicht weg und kann Aufgaben in Windeseile zu unüberwindbaren Bergmassiven machen. Wem der Grusel im Nacken sitzt, der ist erkennbar an seiner geduckten Haltung, immer wachsam und schreckhaft zugleich. Der Grusel hasst Pragmatismus, er vergisst Erfolge in dem Moment, in dem sie sich einstellen und er findet, dass andere Menschen nur Böses wollen und neue Ideen nur scheitern können. Der Grusel würde nie zulassen, dass wir um Hilfe bitten oder uns gar erlauben, aus Fehlern zu lernen.

Fokus: Angst, Perfektionismus, Selbstzweifel: Leistungsdruck als Lebensprinzip

Lösung: Vertrauen in die Zukunft entwickeln, Gelassenheit zulassen

___________________

Und alles, was dann noch an Tatkraft übrig ist, erledigt der Hinterletzte Hump. Er wirft ununterbrochen Steine in den Weg: Die Wäsche, die Katze, der Kühlschrank, der Chef, die Freundin, die Kollegen… sie alle brauchen uns, haben regelrecht ein Anrecht auf uns, auf unsere Unterstützung, auf unsere Kannst-Du-mal-ebens. Und wir hetzen vom einen zum anderen, haben abends das Gefühl, mal wieder nichts geschafft zu haben, sind aber zugleich heimlich dankbar darüber, dass er uns von den wirklich wichtigen, schwierigen Aufgaben abgehalten hat. Und auch dafür schämen wir uns natürlich. 

Fokus: Verzetteln, Fremdbestimmung, fehlende Abgrenzung: Dienstleistung als Flucht vor sich selbst

Lösung: „Nein“ und „Ja“ an den richtigen Stellen sagen, Konzentration aufs Wesentliche erlauben.

___________________

Zugegeben, die drei sind eine fiese Packung. So ganz einfach wird man sie nicht los. Aber Erkennen ist ein erster (und sehr wichtiger) Schritt auf dem Weg zur Veränderung. Erkennen bedeutet, jede kleine Alltagssituation mit einer neuen „Brille“ zu betrachten, denn der Garst, der Grusel und der Hinterletzte Hump sind Meister der Tarnung. Wenn es gelingt, jeden Tag einmal innezuhalten und auf die Suche nach ihren Spuren in Deinem Denken, Handeln oder Planen zu gehen, kann man sie immer besser kennenlernen. Und dann werden sie schwächer, versprochen!

Share this post

Share on facebook
Share on google
Share on twitter
Share on linkedin
Share on pinterest
Share on print
Share on email