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Über nicht-triviale Maschinen

Menschen sind keine Maschinen. Schon klar. Wirklich klar?

Kinder werden nach Alter beschult, nicht nach Entwicklungsstand. Lernen wird in großen Teilen unseres Bildungssystems verstanden als Prozess, der Wissen wie ein Paket von Person zu Person transportiert. Ärzte isolieren Körperteile voneinander und reparieren sie, ohne auf die komplexen funktionellen Kreisläufe Rücksicht zu nehmen, in die die Körperteile eingebunden sind.  Bücher, Zeitschriften und Webseiten verraten „die 5 Schritte zum Abnehmen“ oder geben Anleitungen „Wie Sie eine glückliche Beziehung führen“ – kontextfreie Rezepte, Strickmuster, Komplexitätsreduktionen, wo man nur hinsieht. 

All diese Ansätze tragen eine Grundidee in sich, die zwar absurd, aber trotzdem vorhanden ist: dass alle Menschen gleich funktionieren. Wie Maschinen gleicher Bauart eben. Diese Grundidee reduziert die Vielfalt unserer Charaktere, Werte, sozialen Hintergründe und Kulturen auf eine Art Kerngerüst: Mensch ist Mensch, Kind ist Kind, Bluthochdruck ist Bluthochdruck. Wären wir Maschinen, würde eine solche Reduktion Sinn machen, ja im Gegenteil, sie wäre sogar wünschenswert. Denn wer will sich nicht in ein Auto setzen und losfahren können? Egal, welche Marke und welche Farbe, gleichgültig, was es gekostet hat und unabhängig vom Treibstoff, der es antreibt?

Heinz von Förster, einer der humorvollsten und interessantesten Denker des 20. Jahrhunderts, hat den Begriff der trivialen Maschine geprägt. Triviale Maschinen funktionieren nach den Regeln der Mechanik: Sie zeigen bei Impuls A immer Reaktion B. Jedesmal. Diese Ursache-Wirkungs-Ketten können durchaus komplex sein, mit „trivial“ ist also bei von Förster nicht „einfach“ gemeint. Es ist gut, dass wir triviale Maschinen haben, denn es wäre nicht wirklich hilfreich, wenn Autos nach Lust und Laune reagieren oder Kaffeemaschinen mal Kaffee und mal Hühnersuppe produzieren würden. 

Wenn Menschen nach dieser trivialen Logik funktionieren würden, könnten wir anderen eine Ansage machen, und sie würden sie befolgen. Wir könnten festlegen, wie ein Kontakt zu verlaufen hat, und alles wäre paletti. Für jeden unserer Wünsche an unsere Kollegen, Liebsten, Kinder und Freunde gäbe es einen Knopf, den wir nur betätigen müssten. Wir könnten also zweiseitige Beziehungen nur von einer Seite aus steuern: Im Wissen um die Logik der Maschine, mit der wir zu tun haben, aktivieren wir die „richtige“ Funktion und die Maschine tut, was wir wollen.

Aber Menschen sind keine trivialen Maschinen. Menschen sind komplex, in Heinz von Försters Sprache: Nicht-trivial. Bei nicht-trivialen Maschinen lässt sich durch keine Raffinesse der Welt vorhersagen, was sie tun werden. Man tut was rein, und es kommt was Überraschendes raus. Man redet sich den Mund fusselig, alles total gut gemeint natürlich, und der Andere hört einfach nicht zu. Man wünscht sich die Finger wund, findet die blöden Knöpfe nicht, und die Leute um uns rum machen einfach, was sie wollen. Mist.

Was also tun?

  1. Anerkennen, dass wir keine trivialen Maschinen sind. Menschen funktionieren nicht linear und sie können nicht linear gesteuert werden. Das klingt banal, bedeutet aber Weitreichendes: Es ist nicht möglich, jemanden anderen zu ändern – ganz egal, wie raffiniert oder nachdrücklich oder heimlich wir das tun. 
  2. Unnötige Anstrengungen vermeiden: Wenn wir akzeptieren, dass unsere Mitmenschen keine trivialen Maschinen sind, schränkt das gefühlt zunächst unseren Handlungsspielraum ein, denn plötzlich ist das Revier der anderen nicht mehr unseres. All die Anstrengungen darum, die anderen zu dem zu machen, was wir gern von ihnen hätten, können wir sein lassen. Diese Kröte müssen wir schlucken (und bei näherer Betrachtung ist das gar keine Kröte, sondern eine Erleichterung).
  3. Denn so können wir endlich handeln, wo wirkliches Handeln möglich ist: In unserem eigenen Revier. Statt „wie kann ich bloß schaffen, dass er/sie…“ stellt sich nun die Frage „Wie kann ich es schaffen, dass ich…?“ Da wird eine Menge Energie und Kreativität frei!
  4. Und siehe da – wenn wir uns ändern, kann sich das gesamte System ändern. Also auch die Anderen, die ja mit uns in Interaktion stehen. Was sie dann genau tun, ist allerdings immer noch offen – denn sie sind ja eben keine trivialen Maschinen. Überraschungen wird es also auch weiterhin geben.

Zum Einlesen: Heinz von Förster: Shortcuts. Zweitausendeins, 2002.

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