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Unser artgerechtes Biotop

Kein Mensch würde einen Fisch im Stall halten. Oder eine Kuh auf dem Balkon. Oder einen Uhu im Keller. Natürlich nicht, denn Fische und Kühe und Uhus haben Bedürfnisse an ihr Habitat, die sich nicht wegdefinieren lassen.

Warum gehen wir dann so oft mit uns so um, als wenn wir keine solchen Bedürfnisse hätten? Verbiegen uns, strengen uns an, tricksen uns aus. Wünschten, wir kämen mit 5 Stunden Schlaf aus, weil für mehr keine Zeit ist. Stecken in der Arbeitsgruppe immer wieder zurück, weil unsere innovativen Ideen anecken und dem Alphatier den Kamm schwellen lassen. Schreiben den zehnten Artikel als et.al., weil wir nicht den Kampf um unser geistiges Eigentum ausfechten wollen. Skalieren uns runter, nehmen uns nicht ernst, halten uns zurück.

Natürlich sind Menschen in nahezu all diesen Aspekten flexibler als Fische, Kühe oder Uhus. Wir sind die Lernmagier dieses Planeten, keine andere Spezies kann in so vielen verschiedenen Bereichen so viel lernen wie wir – und das macht uns einzigartig flexibel. Insofern ist es schon ok, wenn mal der Schlaf zu kurz kommt und die Ideen in der Schublade bleiben müssen.

Aber viele von uns machen das nicht nur mal, sondern ständig. Das tut nicht gut und führt schlimmstenfalls zur Entfremdung von uns selbst, sichtbar als Depression, Erschöpfung, Lustlosigkeit oder innere Emigration. Wenn wir unsere Bedürfnisse ignorieren, kommunizieren wir auf eine unfreundliche Weise mit uns. Weil wir uns damit die Botschaft übermitteln, wir seien kein artgerechtes Biotop wert. Oder gar: für jemanden wie mich kann es gar kein artgerechtes Biotop geben! 

Was also tun? 

  1. Anerkennen, dass artgerechte Biotope für Säugetiere lebenswichtig sind.  Und möglich. Also auch für uns. Wir können uns nicht beliebig in ein Leistungs-Harmonie-Ideal-Märchen-Wesen morphen. 
  2. Herausfinden, welche Art Biotop für uns als Individuum artgerecht ist. Passende Biotope sollten ebenso allgemeine wie individuelle Bedürfnisse berücksichtigen: ein hilfreiches Modell zur Klärung, welche Relevanz welches Bedürfnis hat, liefert die Maslow`sche Bedürfnishierarchie. Wer konsequent physiologische Bedürfnisse ignoriert – Aspekte wie Schlaf, Nahrung, Wärme, Bewegung auf der untersten Stufe der Pyramide – dreht sich auf andere Art und Weise den Hahn ab als diejenigen, die auf den oberen Stufen (Individualbedürfnisse, Selbstverwirklichung) nicht gut für sich sorgen. Natürlich sind alle Ebenen wichtig.
  3. Die Erkenntnisse über unser Biotop ernst nehmen. Oder einfacher: Unsere Bedürfnisse berücksichtigen. Das klingt banal, doch wie oft entscheiden wir nach der Maxime „ich weiß das ja auch eigentlich, aber ich tu es trotzdem nicht“? Aber Achtung: Artgerechte Biotope entstehen nicht auf der „eigentlich“-Ebene, sondern im Handeln. Zwei Hindernisse gilt es zu überwinden, wenn die Einrichtung unseres Biotopes gelingen soll:
    1. Von den Menschen in unserer engeren Umgebung werden uns ständig Biotope vorgeschlagen, die mehr mit diesen anderen Menschen zu tun haben als mit uns. Ohne böse Absicht, denn so funktioniert Leben in einem sozialen System. Wenn wir nicht gelernt haben, unsere Bedürfnisse von diesem Grundrauschen zu differenzieren, kann das dazu führen, dass wir Dinge verwechseln, um es vorsichtig auszudrücken.
    2. Dafür braucht es einen gut trainierten Abgrenzungsmuskel, auch Selbstvertrauen oder Selbstfürsorge genannt. Es braucht Mut und Integrität, eine gewisse Immunität gegen Druck und Manipulation, eine gute Portion innerer Freiheit. 
  4. Artgerechte Biotope entstehen leider nicht, indem wir so weitermachen wie bisher: Also ran an die Veränderung! An einem Punkt im Biotop mit dem Umbau in Richtung Artgerechtigkeit anfangen. Bloß nicht an zu vielen Baustellen auf einmal! Am besten dort, wo es sich besonders verlockend anfühlt: 8 Stunden Schlaf statt 6. Gemütlich zuhause bleiben, auch wenn alle anderen im Nightlife versacken. In Ruhe frühstücken, obwohl die innere Antreiberschar 24/7 Höchstleistungen im Job sehen will. 
  5. Und dann: sich Zeit lassen. Liebe- und humorvoll der eigenen Entwicklung zusehen. Oder, um in der Sprache der Biotope zu bleiben: Dem eigenen Aufblühen.

Einen sehr erhellenden Persönlichkeitstest, der wissenschaftlich fundiert Aufschluss über einige zentrale Biotop-Aspekte geben kann, findet sich bei Stefanie Stahl: https://www.stefaniestahl.de/deu/index.php/test-page1-2/. Per Newslettereintrag auf der Seite bekommt man ein Passwort zugesendet.

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